Verwandelt – Wie aus einer Idee ein Chor wird

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Verwandelt – Wie aus einer Idee ein Chor wird

Von Ansgar Hoffmann – Bariton

Wenn ein Chorleiter einen Chor übernimmt, wird er versuchen, seine musikalischen Vorstellungen mit diesem Ensemble umzusetzen. Er trifft dabei in der Regel auf eine vorhandene Stimmbesetzung und gewachsene Strukturen, Erfahrungen und Traditionen. Manch ein Dirigent leitet gleich mehrere Chöre und Ensembles, bei denen er in unterschiedlicher Weise Akzente setzen kann. Kompromisse gehören zum Alltag des Chorleiters.

Matthias Rajczyk ist so ein Chorleiter mit mehreren Chören. Seit Juli 2016 gönnt er sich und uns eine Zugabe, denn das bedeutet der Name des neuen Kammerchors „ENCORE“. Der große Unterschied zu den anderen seiner Chöre besteht darin, dass er ihn selbst zusammengestellt und von der ersten Minute an gestaltet hat. 42 Sängerinnen und Sänger hat er ausgewählt, um gemeinsam mit ihnen so Musik zu machen, wie er sich Musik vorstellt. Diese Sängerinnen und Sänger haben sich von verschiedenen geographischen und musikalischen Orten auf den Weg gemacht und treffen sich jeden Montag, um mit Matthias und miteinander zu musizieren. Geographisch kommen wir aus dem gesamten Saarland und dem angrenzenden Rheinland Pfalz, musikalisch aus den verschiedensten Chören und Ensembles. Für einige ist Musik der Beruf, für andere eine leidenschaftliche Freizeitbeschäftigung. Manche singen in einem oder mehreren anderen Chören, andere haben ihren bisherigen Chor verlassen, um bei ENCORE mitzumachen. Einige kannten zum Probenstart schon viele Mitsänger, andere höchstens eine Handvoll. Das gemeinsame Bindeglied zum Start von ENCORE war Matthias.

Die Proben gestalteten sich ambitioniert und diszipliniert. Der Chorleiter war stets perfekt vorbereitet, die Sängerinnen und Sänger meistens auch … Zwei Stunden wöchentlich intensives gemeinsames Musizieren. Nach vier Monaten kennen wir die Stimmen unserer Nebenleute ziemlich gut. Was uns als Menschen sonst noch ausmacht, blieb bislang im Verborgenen. Die ersten Konzerte stellten nun eine Bewährungsprobe für alle dar: Für den Chorleiter und seine Idee von Chormusik und für den Chor, der aus bislang eher fremden Einzelstimmen eine neue musikalische Einheit entstehen lassen möchte. Das von Matthias ausgewählte Programm verzichtete weitgehend auf Rettungsanker und Sicherheitswesten. Der Spannungsbogen reichte von Schütz, Bruckner, Mendelssohn und Rheinberger bis Whitacre, Todd und Gjeilo. Das Motto hieß „Neu und Verwandelt“. Würde es gelingen, die in der Musik und den Texten enthaltene Verwandlung auf den neuen Klangkörper zu übertragen?

Alles war geprobt. Aber hat die Zeit gereicht? Wie weit gehen Chorleiters Anspruch und Chores Wirklichkeit auseinander? Das Premierenkonzert in St. Matthias Riegelsberg. Ein halbes Heimspiel für den neuen Chor. Einige Proben fanden vor Ort statt. Und dann ein After Work Konzert montags um 20.00 Uhr. After Work nicht nur für die Zuhörer, sondern auch für Sängerinnen und Sänger. Raus aus dem Alltag, rein ins Konzert, kurzes Einsingen, dann LOS. Kein (mir als Chorsänger) vertrautes langsames Aufbauen der Stimmung, bis ich für das Konzert bereit bin.

Erfreut nehmen wir zur Kenntnis, dass die Kirche überraschend gut gefüllt ist. Wir stehen bequem in zwei Reihen halbkreisförmig um den Altar und versuchen, gesanglich das umzusetzen, was sich der Meister wünscht. Die Akustik bietet viel Hall, der einiges glättet und anderes verschwimmen lässt. Die konzertante Stunde ist schnell verflogen, die Stimmung kontrolliert positiv. Selbstkritik ist hier und da zu hören. Das Fazit: Das war schon richtig schön, es bleibt Luft nach oben. Der Beweis war erbracht, dass die vorhandenen Einzelstimmen eine musikalische Gemeinschaft bilden können.

Das zweite Konzert sechs Tage später. Völlig andere Ausgangsbedingungen. Ein Sonntag, der für die meisten Sängerinnen und Sänger als Konzerttag vertraut ist. Treffpunkt zwei Stunden vor Konzertbeginn. Püttlingen, Klosterkirche Heilig Kreuz. Die bange Frage, ob der Altarraum Platz für 42 Sängerinnen und Sänger bietet. Die Antwort, dass wir da irgendwie hinpassen. Platz, Bequemlichkeit und Sicht auf den Dirigenten sind in den Dimensionen überschaubar. Die Akustik ist deutlich anders als in Riegelsberg. Kaum schützender oder täuschender Hall. Das wirkt alles ein bisschen  direkter, gnadenloser. Nach diesem Konzert werden wir ungefähr wissen, wo wir stehen.

Matthias probt bis kurz vor Konzertbeginn. In seinem Rücken füllt sich die Kirche rasch. Manche Choristen werden ein bisschen nervös. Dann das Konzert. Der Einstieg gelingt. Stanford, Schütz, Bruckner. Läuft. Nicht nur das Publikum hört uns klar, auch wir Sängerinnen und Sänger hören uns viel besser als am letzten Montag. Und auch Matthias hat reagiert und die Aufstellung des Chors bei Mendelssohn  geändert, so dass Männer und Frauen als jeweilige Einheit wahrgenommen werden.

Auch das zweite Konzert ist vorbei. Die Stimmung bei Chor und Leiter ist gut, ein bisschen ausgelassener als beim ersten Konzert. Das Feedback des Publikums war schon am Montag positiv, heute erhalten wir ebenfalls viele schöne Rückmeldungen. Beim überschaubaren Essen im Anschluss an das Konzert wird auch deutlich, was die Ohren und Herzen aller Beteiligten in den Konzerten erspürt haben: Mit ENCORE wächst etwas zusammen, das über bloßes Musizieren hinausgeht.

Matthias, es ist schön, in deinem Chor ENCORE gemeinsam mit vielen tollen Menschen Musik machen zu dürfen.